Georg Lührig ( 1868 – 1957)

„Wenn ich als Ägypter geboren wäre, würde ich Hieroglyphen malen als künstlerische Sinnbilder und Träger des Wissens und unsterblicher Weisheit. Sie, die über und hinter den Dingen waltet, ist das Wesentliche dessen, was ich ausdrücken will.“

Georg Lührig, geboren am 26.1.1868 in Göttingen, ist Sohn eines Fotografen und Lithographen. Sein Vater gehört zu den ersten Lichtbildkünstlern der Stadt. Bis 1885 besucht Lührig das dortige Gymnasium, das er mit der Berechtigung zum Einjährigen Freiwilligen Dienst verlässt. Seine Begabung für die Kunst habe sich so früh und leidenschaftlich geäußert, dass nur eine künstlerische Laufbahn in Frage gekommen sei, erinnert er sich viele Jahre später. Noch 17jährig nimmt die Münchner Kunstakademie den jungen Mann im Oktober 1885 auf. „Eminent talentiert“, lautete das Urteil Franz Stucks über die Probearbeit des Kandidaten . Als „Mordskerl“ und „Genie“ gilt er unter seinen Kommilitonen. Karl Raupp, Heinz Heim, Caspar Herterich und Ludwig von Löffzt sind seine Lehrer in den nächsten vier Jahren. Zeichnungen, Aquarelle und Skizzenbücher zeigen die außergewöhnliche zeichnerische Begabung des Kunststudenten. Mit seinen Freunden verbringt er viele Stunden in Gaststätten und Kaffeehäusern, deren Atmosphäre er in Zeichnungen und Aquarellen festhält. 1890 kehrt er zurück nach Göttingen und leistet dort sein Einjähriges Freiwilliges Jahr ab. In Göttingen entstehen auch seine ersten großen Ölgemälde „Heimkehrende Arbeiter“ und „Steineklopfer“. Es ist aber der Zyklus „Totentanz“, mit dem der junge Künstler 1892 auf der Internationalen Aquarellausstellung in Dresden erste Berühmtheit erlangt. Dieser Erfolg war auch der Grund, dass er Anfang 1894 nach Dresden übersiedelt. In der Stadt an der Elbe trifft er auf eine Kunstszene im Aufbruch. Viele Künstler hatten gerade die Kunstgenossenschaft verlassen und den „Verein der Bildenden Künstler Dresdens“gegründet. Den Sezessionisten schließt sich Georg Lührig sofort an wie auch der Goppelner Landschaftsschule. In Goppeln entsteht im Frühjahr 1894 das Ölgemälde „Blühende Hecke“, 1928 vom Akademischen Rat mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet und heute im Besitz der Städtischen Galerie. Zwischen 1894 und 1898 erscheinen die Vierteljahreshefte des Vereins, als deren Initiator Lührig angesehen wird. Die insgesamt vier Hefte, ausschließlich Originalarbeiten enthaltend, gelten heute als ein für die Dresdner Kunstgeschichte Dokument ersten Ranges. Ende 1897 tritt Georg Lührig gemeinsam mit Sascha Schneider, Karl Mediz und Emilie Mediz-Pelikan, die in den folgenden Jahren zu seinen wichtigsten Verbündeten in der Dresdner Kunstszene gehören, aus dem Verein aus. Im Zentrum seines künstlerischen Schaffens steht in dieser Zeit die Lithographie, deren Techniken er sich als Autodidakt erarbeitet. Seine ersten Blätter, veröffentlicht in den Vierteljahresheften und im „Pan“, bringen ihm große Anerkennung. Hervorragendes auf dem Gebiet der Lithographie leistet Georg Lührig vor allem auch 1896/97 mit seinem Zyklus „Der arme Lazarus“. 1895 heiratet er die Dresdner Malerin Else Franke. 1897 nimmt er eine Einladung der Erbprinzessin Lucia von Schönburg-Waldenburg als Zeichenlehrer für ihre Kinder auf ihren Besitzungen in Rumänien an, fortan das Land seiner Sehnsucht. Drei Jahre, von 1898 bis 1901, lebt das Ehepaar in Hemeius nahe Bacau in der Region Moldau. Beide Kinder werden dort geboren. Die rumänischen Jahre sind für den Künstler sehr prägend. „Die unverhältnismäßig große persönliche Einsamkeit im Schaffen habe eine Konzentration auf die eigene Kraft gefördert, der maßgeblichen Grundlage seiner künstlerischen Persönlichkeit“, wird er im Rückblick auf sein Leben 1946 schreiben. Wieder zurück in Dresden, unterrichtet Lührig zunächst an einer privaten Malschule, bis er 1902 eine eigene Mal- und Zeichenschule für Damen gründet. Zahlreiche Reisen werden den Künstler bis zum Ende der zwanziger Jahre immer wieder in die Moldau führen. 1906/07 lebt und arbeitet er als Gast der rumänischen Königin, bekannt unter ihrem Künstlernamen Carmen Sylva, in Bukarest und Pelesch. Mit den Kindern Lucias, Fürst Günther und Prinzessin Sophie, wird Lührig ein Leben lang verbunden bleiben, zur Tafelrunde des Fürsten auf Schloss Waldenburg gehören wie auch zum Musenhof der Prinzessin in Weimar und von 1940 bis 1951 auf dem Schloss der Schönburger in Lichtenstein wohnen. Rumänien gilt neben dem Krieg als bedeutendster Stoffkreis im Schaffen des Künstlers. Zahlreiche Werke entstehen dort, darunter einige seiner berühmtesten Gemälde wie „Ein Pelikan“ und „Alter und Jugend“, 1901 und 1903 von der Staatlichen Gemäldegalerie Dresden erworben, sowie „Die beiden Alten“ und der „Archimandrit Nifon von Sinaia“ im Besitz der Staatlichen Kunstsammlung Dessau bzw. der Städtischen Galerie Dresden. Die Sehnsucht des Künstlers aber gilt dem Fresko. Nachdem er 1904 den ersten Preis für die Ausschmückung des Treppenhauses im Neubau des Kultusministeriums gewonnen hatte, musste er noch vier Jahre auf den Auftrag warten. „Sieg des Lichts“ und „Nacht“ nennt er die Fresken, an denen er von 1908 bis Ende 1912 arbeitet und mit denen er sich nach Erich Haenel in die vorderste Reihe der deutschen Monumentalmaler stellt. Beide Fresken werden im Februar 1945 vollständig zerstört. Ab 1910 unterrichtet Lührig an der Dresdner Kunstgewerbeschule, 1913 erfolgt seine Ernennung zum Professor. Im Ersten Weltkrieg ist Lührig in Frankreich, Rumänien und Syrien als Kriegsmaler tätig. 1916 stellt er 183 Zeichnungen von der Front in der Champagne in Leipzig aus. 1916 erfolgt die Berufung Lührigs an die Dresdner Kunstakademie als Professor für Malen, Zeichnen, Graphik und Naturstudien. Als erster Leiter der Akademie nach dem Krieg hat er maßgeblichen Anteil an deren Reform. Zu seinen Schülern gehörten u.a. Rudolf Bergander, Heinrich Burkhardt, Curt Querner, Georg Siebert, Paul Sinkwitz, Kurt Wehlte und Willy Wolff. Lührigs zweites Rektorat endet im Frühjahr 1933. Seine Toleranz sei dem Faschisierungsprozess der Lehrerschaft hinderlich geworden, heißt es dazu in der Geschichte der Akademie aus dem Jahr 1990. Nach dem Krieg dominiert in Lührigs Leben die Lehrtätigkeit an der Akademie. „Der Künstler hört auf, wo der Professor anfängt“, hatte er bereits seine Ernennung kommentiert. Stillleben, Landschaften und Porträts sind jetzt bevorzugte Themen. Die Ölgemälde „Moospolster“ und „Winterabend in der Sächsischen Schweiz“, beide im Besitz der Staatlichen Kunstsammlungen Chemnitz, gehören mit zu seinen besten Werken aus dieser Zeit. 1925 ist Lührig einer der Mitbegründer der Künstlergruppe „Neue Gruppe 1925“, die sich in Opposition zu Dadaismus und Expressionismus eine Erneuerung der Kunst zum Ziel gesetzt hat, aber bereits nach der ersten Ausstellung wieder auseinanderfällt. Zur Gruppe gehörten u.a. Richard Guhr, Richard Müller und Georg Siebert. Zu seinem 60. Geburtstag ehrt der Sächsische Kunstverein Lührig 1929 mit einer großen Sonderausstellung. Auch 1934 und 1938 widmet der Verein dem Künstler umfangreiche Retrospektiven. 1928 und 1934 stellt er gemeinsam mit dem Bildhauer Edmund Möller in Dresden und Bautzen aus. Nach seiner Emeritierung 1934 lebt Georg Lührig abwechselnd in Dresden und der Sächsischen Schweiz, ab 1940 dann bis zu seinem Tod 1957 in Lichtenstein. Seine Kunst lebt jetzt vor allem in Ausstellungen, 1943 in Zwickau, 1946 und 1947 in Glauchau und 1957 in Karl-Marx-Stadt. 1956 zeigt die Berliner Akademie der Künste seinen Zyklus vom „Armen Lazarus“. Alle Bemühungen Lührigs, seiner bedrückenden Lage in der SBZ bzw. DDR zu entkommen und nach Göttingen zurückzukehren, sind zum Scheitern verurteilt. Das Elend seines letzten Lebensjahrzehnts fasst der Künstler in die erschütternden Worte: „Grauenvoll ist eine Isolierung im Nichts.“ Erschütternd auch seine Feststellung über den Verlust des größten Teils seiner Werke, zugrunde gegangen oder verschleppt, das Beste sei für immer verloren. Viele Werke werden aber auch zu seinen Lebzeiten von Museen erworben, allen voran Dresden. Seine letzte Reise führt Georg Lührig nach Karl-Marx-Stadt, wo er an der Vernissage seiner Ausstellung im Schloßberg-Museum teilnimmt. Wenig später stürzt er auf Glatteis und verstirbt in Lichtenstein am 21. März 1957.